Der Tag vorm Auszug – und die WTF-Momente von „trotzdem“

Ich tobe durch die Wohnung, schmeiße seine letzten Habseligkeiten auf den Esstischberg, schreibe seine Mitnahmeliste. Dabei rette ich ein paar Sachen, die für mich NOCH wichtig sind. Beispielsweise das Fotobuch, das ich ihm im ersten Jahr zu Weihnachten gestaltet habe. Titel: „Das Beste“. (Sorry, Silbermond, ich wusste es damals nicht besser …) Ein Bild, das ich ihm mal geschenkt habe. Die Pässe der Wuschel. Und irgendwann fällt mir ein schwarzes Buch in die Hand … Ach, guck, er hatte auch mal Liebeskummer. Hat sich vor 20 Jahren als Kerl die Seele aus dem Leib geschrieben. Von seiner Traumfrau fantasiert. Nicht gepflegte Freundschaften beklagt.

Ich schicke ihm eine Update-Nachricht zu seinem Auszug, bringe Schlüssel und Übergabeliste weg. Er antwortet irgendwann, ich solle ihm ein Foto der Liste schicken. Bitte, danke. WTF? Gelesen, weggeklickt. Ein paar Stunden später die nächste Nachricht: „Wenn du da bist, wünsche ich dir (trotzdem) viel Spaß bei Fury auf der Loreley. Morgen wirst du denke ich mal nicht dabei sein!?“ Und wieder: WTF? Gelesen, mit Freundin den Kopf geschüttelt, gedacht „Was stimmt mit dem eigentlich nicht?“, Achseln gezuckt, weggeklickt, Krönchen gerichtet, weitergefeiert.

Selbstüberschätzung wird überschätzt

Mal ehrlich: Woran liegt es, dass sich Männer so unglaublich selbst überschätzen? Ich meine: Sein Fremdgehen ist vor mehr als fünf Wochen aufgeflogen. Alles, was er sich danach geleistet hat, hat nicht gerade zum Entspannen und Beruhigen der Situation beigetragen. Natürlich kann ich mir auch nach dieser Zeit schönere Situationen in meinem Leben vorstellen, als betrogen zu werden. Aber DIE Rolle, die er sich selbst zuschreibt, spielt er einfach nicht mehr. Die Bindungshormone sind längst abgebaut, Vermissensgefühle sind auch nicht mehr da. „(Trotzdem.)“ Meine Güte! Was soll das überhaupt heißen? Trotz seines Betrugs? Trotz der Trennung? Weil er – oooooooh! – nicht dabei ist? Weil er morgen endlich komplett auszieht?

Aus Trotzdem wird Weil

Nur zwei Wochen zuvor hätte ich dieses kleine Wort tatsächlich von allen Seiten betrachtet, auseinandergenommen, neu zusammengesetzt, mit zig Gedanken und Interpretationen gefüllt. Mit Freundinnen bis ins letzte Detail jede Bedeutungsebene diskutiert. Jetzt denke ich nach einem kurzen WTF-Moment wieder nur: „Was stimmt mit dem denn nicht? Warum lässt er mich nicht endlich in Ruhe?“ Und plötzlich weiß und spüre ich es: Ich habe Spaß, WEIL er nicht dabei ist. WEIL ich da mit einer guten Freundin bin und Tränen lache. WEIL ich andere kennenlerne. WEIL die Stimmung einfach perfekt ist, kein Ziepen im Bauch und im Herzen. Alles ist gut, wie es ist. Won’t forget this day! <3

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