Mit Höchstgeschwindigkeit gegen die Betonmauer

Ich werde wach. Draußen ist es noch dunkel. Ein Blick aufs Handy zeigt: 4.23 Uhr. Ich könnte mich noch mal umdrehen, nur für ein halbes Stündchen. Aber der Körper ist sofort auf Alarm gepolt. Ich zittere, mein Herz rast. Alles total unkontrolliert. Vor zwei Wochen … Das hämmert mir ständig durch den Schädel. Und mein Körper reagiert direkt. Das an der Tanke besorgte Brötchen bahnt sich sofort den Weg nach draußen. Gegen 8 gebe ich auf … Ich will nur noch schlafen. Lege mich ins Bett, Marie kommt zu mir. Mache die „verschriebenen“ Atemübungen. Dieser verdammte Schmerz bleibt. Aber ich nicke ein. Eine Stunde später ist zumindest dieses beängstigende Herzrasen weg. Ich kann aufstehen und bin nicht mehr gar so wacklig. Arbeiten fällt trotzdem schwer. Kann mich nicht konzentrieren, meine Gedanken schweifen immer wieder ab.

Im Schock ist Rationalität nicht möglich

Ich schaue mir Bilder an, lese seine E-Mails. Wühle mich durch Blogs und Foren. Und denke immer wieder: „Hätte ich so cool sein müssen, meine Entdeckung zu verschweigen? Hätte ich nicht besser weiter heimlich mitlesen müssen? Können? Um quasi aus dem Hinterhalt um ihn zu kämpfen?“ Diese Fragen stelle ich ein paar Stunden später meiner besten Freundin. Sie hätte es auch nicht gekonnt. Der Zweifel bleibt. Aber auch das Wissen: So cool könnte ich niemals sein. Wie sagte gestern der Therapeut: „Du saßt die ganze Zeit im ICE – und bist mit Hochgeschwindigkeit gegen eine Mauer gefahren. Volle Zerstörung. Im Schock handelst du nicht rational.“

Frage meinen Vermieter, ob die Wohnungskündigung und die Schlüssel bei ihm angekommen sind. Nein, immer noch nicht. Und nahezu eine Woche seit Aufforderung dazu ist vergangen. Warum tut er das? Muss ich mir fürs Wochenende Sorgen machen? Komme ich am Sonntag in eine leergeräumte Wohnung zurück? Diese vielen Fragen, die Ohnmacht – das alles bringt mich noch um. Kein Lebenszeichen, keine Nachricht von ihm. Schweigen. Möchte ihn gern fragen. Will eigentlich doch nicht. Darf auch nicht.

Gedanken drehen einen Looping nach dem anderen

Und immer wieder dieses Gedankenkarussell. Den ganzen verdammten Tag. Denkt er an mich? Vermisst er mich auch ein bisschen? Oder hat er mich tatsächlich wie einen alten Socken weggeworfen? Kann er sich vorstellen, wie es mir geht? Denkt er manchmal an die beiden Puschel? Socke leidet jedenfalls auch … Er frisst kaum, zieht sich in dunkelste Ecken zurück, ist den ganzen Tag weder zu sehen noch zu hören. Er hat genauso schlimmen Liebeskummer wie ich. Das Schlimmste: Gerade habe ich kaum Kraft und Energie, mich um MICH zu kümmern. Mein Herz blutet.

Mir fehlen unsere Rituale. Jetzt würden wir beispielsweise im Bett liegen, noch eine Folge „Friends“ gucken, ich kuschele mich auf seinem Bauch zusammen, genieße seinen gleichmäßigen Atem, den Arm auf meinem Körper, sauge die Ruhe und Vertrautheit in mich ein … Stattdessen verzögere ich alles. Nur nicht allein ins Bett gehen …

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