Nach Fremdgehen versuchen, die Welt wieder klarer zu sehen

Ent-Täuschung ist nur das Ende einer Täuschung.

Zeit für Hilfe von außen, also für professionelle Hilfe. Von jemandem, der uns nicht kennt und die Geschichte objektiv einschätzt. Irgendwie will ich verstehen und die Welt wieder ein bisschen klarer sehen. Knapp zwei Stunden dauert das erste Gespräch – und der Erkenntnisgewinn ist verblüffend: Ich soll keine Fehler für seinen Betrug, sein Fremdgehen bei mir suchen, mit dem Rausschmiss hätte ich spontan und aus dem Gefühlschaos heraus reagiert, weil ich in eine Überraschung hineingerannt bin, die mich eiskalt erwischt hat.

Von der Täuschung zur Ent-Täuschung

Als mittleres Kind kann er sich wie ein Chamäleon anpassen. Aus dieser Rolle heraus UND als Verkäufer ist er darin trainiert, Dinge glatt zu machen, sich positiver darzustellen, sein wahres Ich zu verstecken. Meine Psyche erlebt jetzt genau diese Täuschung: Die Seiten, die ich gerade an ihm entdecke, hat er bisher gut verschleiert, denn ein Verkäufer schafft immer eine unauffällige, angenehme Atmosphäre.

Warum ich vor zehn Jahren attraktiv auf ihn gewirkt habe: Am Anfang war er ein bisschen auf der Jagd nach mir. Eine Beziehung mit mir aufzubauen, war unkompliziert und gut möglich (im positiven Sinn). Trotzdem ist er direkt nach dem Zusammenziehen in eine passive Beziehungshaltung geschlüpft. Gesprächen ist er aus dem Weg gegangen, der Motor zur emotionalen Vertiefung fehlte komplett. Was er an mir unattraktiv gefunden hat/findet: Ich wollte mehr Aktivität, bin die Aktivere. Und ich bin kein Schlussmacher, sondern versuche, Dinge zu klären, Kompromisse zu finden, lege dabei auch den Finger in Wunden. Das ist für ihn in seinem passiven Beziehungsverhalten unangenehm.

Meuterei im auf Sand gebauten Beziehungshaus

Die Beziehung zwischen uns war nicht ausgeglichen – allein vom Bildungsniveau her. Dann ich seit vielen Jahren erfolgreich selbstständig, er war zwischendrin lange arbeitslos – eine Zeit, in der ich für Miete und Essen gesorgt habe. Ich war quasi die Führungskraft (High Performer) und habe die Meuterei, die sich im Hintergrund durch ihn (Low Performer) anbahnte, gar nicht mitbekommen. Stichwort: Verkäufer – die können einfach besser schauspielern. Während ich also noch in einem Liebes-Hochgeschwindigkeitszug saß, habe ich ihn auf seinem Parallelgleis nicht mitgezogen und die erstbeste Weiche – also die Next – hat ihn umgeleitet. Durch die Jobs bei der Sportarena und bei Saks hatte er im Gegensatz zu mir ständig neue Umgebungen und wurde angeflirtet. Das war seine Vorteilssituation, ohne dass er etwas dafür tun musste. Hätte er die beiden Jobs nicht gehabt, wäre es (erst mal) nicht so weit gekommen.

Im Grunde habe ich in einer WG mit meinem kleinen Bruder gelebt, der lieber mit seinen Modellen spielt, als sich mit mir auseinanderzusetzen. Ich habe ihm Sicherheit gegeben, aber trotzdem ein Beziehungshaus auf Sand gebaut, dass durch einen heftigen Regen weggespült wurde. Er hat in den vergangenen Jahren nur konsumiert, ohne zu wissen, was er genommen hat.

Nach Schock und Trauer kommt Wut

Aktuell bin ich immer noch in der Schock- und Trauerphase und muss in die Wutphase gebracht werden. Jeden Tag soll ich eine Stunde Sport machen (um mich mal wieder richtig zum Schlafen zu kriegen), bei jeder Schockwelle Atemübungen machen, auf ein Kissen einprügeln, im Kopf auf Single schalten, mir gezielt Flirtsituationen suchen. Und mir immer wieder sagen: Wäre ich mir der kompletten Situation bewusst, würde ich keine Nachricht von ihm erwarten.

Und: kein Kontakt zu ihm. Selbst wenn er seine Möbel abholen will und deshalb schreibt. Der Therapeut meinte: „So wie ich dich einschätze, würdest du da garantiert sofort springen. Nein, du reagierst auch darauf nicht. Erst mal auf gar nichts, bis wir dich in die Wutphase geholt haben.“